Freitag, 9. Dezember 2011

6 Kilometer

Heute gibt es wieder eine meiner Kurzgeschichten. Entstanden ist sie schon vor einer kleinen Ewigkeit. 



Noch 131 Kilometer grauer eintöniger Asphalt und ich bin bei dir.
Lichter fliegen vorbei, der Geruch von Poliermittel und neuen Autositzen steigt mir in die Nase. Über allem glänzt die runde Scheibe des Mondes, noch 131 Kilometer sagen mir die Instrumente. Meine Gedanken rasen noch schneller als meine Reifen über den Asphalt rollen können. Tanzen im rhythmischen Stakkato der weißen Streifen deren Glanz meine Augen verwirrt, die mir Richtung und Wegweiser sind.
Du hast nur gesagt komm, nach allem was war, einfach nur Komm. Blendendes Licht liegt vor mir, zerreißt die teeriege Dunkelheit, die die Insel aus Licht die meine Scheinwerfer erschaffen, umgibt.
Ein Tunnel gleißt in seiner widernatürlichen Helligkeit, fast scheint es mir als würde das Licht nach mir greifen mit langen kalten Tentakeln, versuchen mich einzufangen, mich einzusaugen. Mein Wille verliert sich in den Untiefen meiner Gedanken, Jahre habe ich geträumt von deiner regenbogengleichen Nähe.
130 Kilometer noch.
Will ich wirklich zurück zu dir? Das Licht umfängt mich, zieht mich an. Die Tunnelwände in ihrem dumpfen Grau lächeln, verengen meinen Blick, verengen gleichsam meine Gedanken, nehmen ihnen die Lust am freien Spiel. Ich schließe kurz die Augen um die Enge zu vergessen, einen kurzen Sieg über das Licht zu erringen. In die Dunkelheit wummert mein Herzbass, unerbittlich mich erinnernd, was passiert wenn ich dein Bild, wie so viele male zuvor, auf meine Lieder projiziere. Ich reiße die Lieder auseinander fast mich selber dazu zwingend und dein Abbild schwebt noch eine Millisekunde vor mir gefangen zwischen den Betonwänden.
129 Kilometer noch.
Das Notausgangsschild flackert im sterbenden Stakkato, unheimliche Sicherheit versprechend während ich es passiere. 3 Jahre und hunderte von Kilometern hab ich gebraucht um hierher zu gelangen in diese trostlos graue Bergwunde. 3 Jahre seit dem letzten Kuss der letzten samtenen Berührung. Weidengleich erzittere ich beim Gedanken an deine Arme um mich.
128 Kilometer noch
Der Tunnel würgt mich hinaus zurück in die Dunkelheit des schwarzen Tuches, entlässt mich zurück in die Weite meiner Kopflandschaft, im Rückspiegel scheint es mir als ob der Berg mir erstaunt hinterherschauen würde. Es hat gedauert bis ich mich von den Herzketten befreit hatte die du um mich gelegt hast, bis der Canyon den dein Weggehen in mir hinterlassen hat, akzeptiert war, bis das Rad der Tage nicht davon gefärbt wurde, fast nicht.
127 Kilometer noch.
Etwas rast durch die Helligkeit vor mir, ein Vogel oder eine Fledermaus, angezogen von der Insel die ich bilde. Nimmt mich mit in die alten Tage, lässt mich Filme sehen gefärbt durch all die Jahre des nicht Anschauens, des Vergessenwollens. Filme von Sommertagen, von Winternächten, von Herbstdämmerung und Frühlingsdüsterniss. Filme von dir.
126 Kilometer noch.
Komm, mehr hast du nicht gesagt, außer Komm. Nach all dieser Zeit einfach nur Komm und darum eile ich durch die Düsternis höre dem rauschen der Räder auf dem Asphalt zu wie sie mich immer näher zu dir Tragen. Wie viel Weg liegt hinter mir? Welche Anderen habe ich in der Zeit gestreift, welche Schlaglichter haben sich auf mein Leben gelegt. 300 Kilometer durch die Dunkelheit der Nacht und unzählige durch die Einsamkeit habe ich hinter mich gebracht. Und jetzt einfach Komm.
125 Kilometer noch.
Vor mir glänzt ein Blaues Schild von seiner teerigen Umarmung befreit. Eine Abfahrt schält sich aus der Düsternis, meine Hände ziehen sanft am Lenkrad, meine Reifen rauschen langsamer über den Asphalt dann ein kurzer druck auf die Bremse.
Noch 0 Kilometer grauer eintöniger Asphalt und ich bin bei mir

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